Warum beschäftigen sich Menschen mit ihrer Familiengeschichte? Was kann die Auseinandersetzung mit den Höhen und Tiefen der eigenen Biografie zu einem guten Leben beitragen? In dieser Woche war ich wieder mit einer Gruppe von 20 zukünftigen systemischen Beraterinnen und Beratern für das Praxis-Institut aus Hanau auf einem Seminar zur Familien-Rekonstruktion. An fünf Tagen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen ausführlichen Blick auf ihre Herkunftsfamilien geworfen und hatten die Gelegenheit, sich intensiv mit einer prägenden Erfahrung oder einem offenen Thema aus ihrer Lebensgeschichte zu befassen. In kleinen Gruppen wurde mit Genogrammen (schematische Darstellungen der Herkunfts-Familie), Skulpturen, szenischen Darstellungen und Aufstellungen gearbeitet, um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine neue Perspektive auf ihre Familiengeschichte zu ermöglichen.

In der Woche davor hatte ich Walter Kohl, der Sohn des Altbundeskanzlers Helmut Kohl, auf der Convention der German Speakers Association (GSA) in Ulm gehört. Er hat aus seiner Perspektive den Sinn von Biographiearbeit erläutert. Für ihn war es nicht nur ein Leben lang eine große Herausforderung, der Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers zu sein. Er hat als Kind auch zehn Jahre Bedrohung durch den Terrorismus erlebt und musste später den Selbstmord seiner Mutter bewältigen. Die Frage „Warum?“ Oder „Warum ich?“ hat für ihn immer in eine Sackgasse geführt. Hilfreich war für ihn aber die Frage „Wozu?“ Was nehme ich aus meiner biografischen Erfahrung mit? Welcher Auftrag ergibt sich vielleicht aus meiner Biografie? Walter Kohl hat keine Antwort gefunden, warum seine Mutter Selbstmord begangen hat. Er konnte nicht mehr mit ihr reden, ihr Fragen stellen oder seine Trauer mitteilen. Aber er hat sich intensiv mit dem Selbstmord seiner Mutter auseinandergesetzt und konnte schließlich für sich einen „einseitigen Frieden“ schließen. Aus dem Tod seiner Mutter hat er den Auftrag entwickelt, sich für Menschen in Suizidgefahr zu engagieren. Walter Kohl ist durch intensive Auseinandersetzung mit seiner Biographie zu einer Persönlichkeit geworden, die weit über die Rolle des „Sohnes des Bundeskanzlers“ hinausgewachsen ist.

Wenn wir beim Praxis-Institut zukünftige systemische Beraterinnen und Berater einladen, sich mit ihrer Familiengeschichte zu befassen, gibt es häufig auch in ihren Familiengeschichten dramatische Ereignisse. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben Eltern und Großeltern, deren Jugend und Kindheit in Deutschland durch den Zweiten Weltkrieg geprägt wurde. Trennungen, Scheidungen oder der Tod von Familienangehörigen sind für fast alle Menschen ein Bestandteil der Familiengeschichte. Oftmals ist aber auch gar nichts „Dramatisches“ passiert und trotzdem gibt es Fragen an die Familiengeschichte, weil man das eigene Verhalten oder das Handeln der Eltern und Geschwister ein wenig besser verstehen möchte. Beraterinnen und Berater, die bereit sind, sich auch den weniger positiven Erinnerungen in ihrer eigenen Biografie zuzuwenden, stärken ihre Fähigkeit, andere Menschen in herausfordernden Prozessen zu begleiten. Sie werden weniger Angst haben, schwierige Erfahrungen in der Lebensgeschichte ihrer Klientinnen und Klienten anzusprechen, weil sie erfahren haben, wie hilfreich es sein kann, sich mit der eigenen Lebensgeschichte zu befassen.

Für mich als Trainer sind diese Seminare ein Höhepunkt in der Ausbildung der Beraterinnen und Berater. Ich erlebe bei mir und bei allen anderen eine tiefe Dankbarkeit für die Gelegenheit eigene Lebenserfahrungen mit anderen Menschen zu teilen, die Lebensgeschichten anderer Menschen kennenzulernen und dadurch im Hinblick auf die eigenen Gefühle und Erfahrungen sprach-und handlungsfähiger zu werden.

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